0:07 Uhr: Dates mit Herrn Schmerz
Unsere Autorin schreibt in ihrer Kolumne über das, was sie in Bamberg erlebt. Zwischen 24 und 6 Uhr, in ihrem Job als Kellnerin, als Studentin und auf Parties. Heute: Von den guten Manieren eines schmerzlich nahen Bekannten.
Der Schmerz und ich sind alte Bekannte. Zuletzt habe ich ihn getroffen, als mir meine Mutter vom Tod meines Lieblingsonkels erzählt hat. Betritt er die Bühne, dann wird der Körper ganz steif, Luft in die Lunge zu pumpen fällt schwer, man fühlt, wie sich dieser riesige Kloß im Hals ausbreitet. Und es kommen einem die Tränen, der ganze Körper bebt und jede Regung schmerzt höllisch. Man versucht sich zu wehren, aber der Schmerz ist nie diskussionsbereit, also fügt man sich in sein Schicksal.
Weit weniger dramatisch, aber dennoch schier unerträglich sind meine aktuellen Treffen mit ihm. Zum einem hat der Schmerz bei mir so viel Porzellan zerschmissen, dass ich gar nicht weiß, welchen Scherbenhaufen ich zuerst wegräumen soll. Zum anderen treffen wir uns zu Zeit mehrmals täglich.
Der Schmerz ist höflich, er bleibt stehen und verfolgt mich nicht. Ich laufe nichtsahnend über die Kettenbrücke und auf einmal steht er breit grinsend vor mir. „Hey du! Na, wie geht’s denn so? Hast du mich vermisst?“ Verdammt, denke ich, und beschleunige meine Schritte. Der Schmerz ist höflich, er bleibt stehen und verfolgt mich nicht. Obwohl ich mich mit jedem Schritt weiter von ihm entferne, werde ich ihn nicht los. Er lauert an Straßenecken, bei der Arbeit, auf Parties, im Supermarkt. Sogar in meinem Bett habe ich ihn schon getroffen.
Mich beschleicht manchmal der Verdacht, ich befände mich in einer Art Trance-Zustand. Ich nehme am Tagesgeschäft teil, gehe in die Uni und zur Arbeit, aber ohne Vorwarnung driften meine Gedanken ab. Ich schwelge in Erinnerungen an schöne Momente, durchlebe Situationen noch einmal und untersuche sie auf Fehler meinerseits, träume von einem „Was wäre wenn“ und verliere mich in Selbstzweifeln. Meine Freunde wissen Bescheid. Sie geben ihr Bestes, um mich aufzufangen und mir Halt zu geben, aber trotz ihrer Hilfe schaffe ich es nicht, dieses dumpfe Gefühl abzuschütteln.
Ich verbringe die Nacht wieder schlaflos, surfe durchs Netz und wandere wie ein Tiger im Käfig durch meine Wohnung. Die Langeweile treibt mich ans Fenster und während ich meinen Blick schweifen lasse, sehe ich aus dem Augenwinkel, wie jemand winkt. Och nein, bitte, nicht schon wieder. Unten auf der anderen Straßenseite lehnt der Schmerz am Zigarettenautomat. Ob ich ihm hörig bin? Sicher nicht! Aber ich muss gestehen, dass ich mich langsam an seine Gegenwart gewöhne.
Trotzdem leide ich, es tut unaufhörlich weh und der Kloß in meinem Hals ist viel zu groß um ihn herunterzuschlucken. Ich stehe im zweiten Stock, dass Fenster ist geschlossen, zwischen mir und meinem Feind liegen 50 Meter und trotzdem höre ich ihn: „Weißt du noch? Ihr beide, morgens um halb fünf auf dem Sofa, beide angeheitert von zuviel Rotwein? Wie er dich getröstet hat, als du vor lauter Angst vor der anstehenden Beerdigung in Tränen ausgebrochen bist? Wie er dich, während er dir vorgelesen hat, im Arm hielt? Erinnerst du dich daran? Wie hat es sich angefühlt?“
Nicht umsonst bezeichne ich den Schmerz als meinen Feind, denn wieder hat er es geschafft, mich in wenigen Sekunden fertigzumachen. Ich zünde mir eine Zigarette an, starre konzentriert in den Nachthimmel und wische mir eine Träne von der Wange.
Der Schmerz ist ein Ass in psychologischer Kriegsführung. Er entwaffnet mich vollkommen, lässt mich hilflos zurück und kaum habe ich mich ein wenig gefangen schlägt er mit voller Wucht wieder zu. Ich weiß nicht wie lange ich mich noch mit ihm treffen muss, diesem gut gekleideten, geheimnisvollen und hinterhältigen Abziehbild der Vergangenheit, dass den Namen Schmerz trägt, aber ich hoffe es ist bald vorbei. Und so lange bezweifle ich weiter, dass die Zeit wirklich alle Wunden heilen kann.

13. Februar 2011
Artikel



