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"In zwei Jahren gibt es Chaos"
von Jürgen Freitag | Dienstag, 27. Oktober 2009

Zahlreiche Vertreter von Hochschule, Elternverbänden und Studentenwerk Oberfranken diskutierten, unter anderem Vizepräsident Sebastian Kempgen (links). Foto: Werner Brecht2011 kommt eine Flut an Studierenden und mit ihr zahlreiche Probleme: Es fehlen Studienplätze, ausreichend Lehrpersonal und Betten.

Auf der "Bildungspolitischen Regionalkonferenz" der Freien Wähler diskutierten zahlreiche "Betroffene" über den doppelten Abiturjahrgang und dessen Auswirkungen.

 

In Folge der G8-Reform werden in zwei Jahren sowohl die letzten Schüler des neunjährigen Gymnasiums als auch die ersten Schüler des neuen achtjährigen Gymnasiums verabschiedet. Die erwartete Studentenflut versetzt schon seit längerem die bayerischen Universitäten in Angst und Schrecken. Dahinter steckt die einfache Rechnung, dass doppelt so viele Abiturienten gleich doppelt so viele Studienanfänger ergeben und "das wird ein Problem", erklärt Julian Esselborn, Vorsitzender der Fachschaftsvertretung der TU München.

Bayern will 235 Millionen Euro für Baumaßnahmen ausgeben

Esselborn sprach am vergangenen Samstag auf der "bildungspolitischen Regionalkonferenz" der Freien Wähler im Hotel St. Nepomuk in Bamberg zusammen mit Vertretern von Elternverbänden, Hochschulen und dem Studentenwerk Oberfranken über die Folgen des doppelten Abiturjahrgangs. "Die Unis werden jetzt schon am Limit gefahren. Wenn 2011 doppelt so viele Schüler an die Hochschulen strömen, wird es eng", so Esselborn weiter.

Auch in den nachfolgenden Jahren wird man in den Hörsälen zusammenrücken müssen, "denn diese Welle wird fünf Jahre lang durch die Universitäten schwappen", ergänzt Professor Sebastian Kempgen, Vizepräsident der Universität Bamberg. Erst danach werde sich die Situation wieder normalisieren. Die Staatsregierung hat deshalb vor, bis zum Jahr 2011 insgesamt 38.000 neue Studienplätze zu schaffen und stellt den Universitäten 235 Millionen Euro für Baumaßnahmen zur Verfügung.

"38.000 neue Studienplätze werden nicht ausreichen"

Problem erkannt, Gefahr gebannt? "Nein. Es wird etwas gemacht, aber das reicht nicht", resümiert Dr. Klaus Weber von der Landeselternvereinigung (LEV). "Der Bedarf wird wesentlich größer sein und die Studienplätze werden am Ende nicht reichen. Das heißt, die Chance ein zulassungsbeschränktes Fach zu studieren, wird sich halbieren", so Weber. Das führe wiederum dazu, dass sich die Schüler und Schülerinnen vermehrt entschließen werden, eine Ausbildung aufzunehmen. Die Ausbildungsplätze, die 2011 von den Abiturienten "besetzt" würden, fehlten letztlich den Real- und Hauptschülern. Dann gäbe es nicht nur einen Mangel an Studien-, sondern auch an Ausbildungsplätzen. "Wenn jetzt nicht etwas passiert, wird es in zwei Jahren Chaos geben", prognostiziert LEV-Vertreter Weber.

Ab 2011 wird man in allen Seminarräumen etwas weiter zusammenrücken müssen. Foto: Anna-Lena MeyerDamit dieses Schreckenszenario ausbleibt, müsse man jetzt mehr Studienplätze schaffen, fordert Hans Jürgen Fahn (MdL) von den Freien Wählern. Er schätzt den Bedarf neuer Studienplätze auf 50.000. "Was die Regierung an Zahlen nennt ist zu wenig. 38.000 neue Studienplätze werden nicht ausreichen", so Fahn.

Der Staat müsse zudem mehr Ausbildungsplätze für die Schulabgänger schaffen, sonst kämen die Schwächeren unter die Räder, erklärt die stellvertretende Vorsitzende des Bayerischen Elternverbandes Maria Lampl. "Es sind alle gefordert. Man kann die Verantwortung nicht nur an die Wirtschaft abgeben. Auch der Freistaat muss mehr ausbilden, beispielsweise bei der Polizei."

Es herrscht ein "irrer Prüfungsstress"

Der Druck auf die Schüler, die 2011 die Gymnasien verlassen, sei indes immens. Lampl berichtet auf der Podiumsdiskussion von ihrer Tochter, die als erster G8-Jahrgang in zwei Jahren die Schule verlassen wird: "Die glauben selber, dass sie keinen Studienplatz und keinen Ausbildungsplatz bekommen. Das ist die Stimmung unter den Schülern."

Und dieser Druck setze sich an den Universitäten fort, wo die Studierenden dann einem "irren Prüfungsstress" ausgesetzt seien, beschwert sich ein älterer Mann aus dem Publikum. Es fehle vor allem dem Lehrpersonal "am Gefühl für den Menschen. Mein Sohn hat von einer Vorlesung erzählt, in der sich der Professor vorn hinstellt und sagt, dass kein Kollege gern Vorlesungen bei Studienanfängern hält. Das kann doch nicht sein."

"Da muss sich etwas ändern", fordert auch Vizepräsident Kempgen. Es fehle vielen älteren Professoren noch an didaktischen Fähigkeiten. Der Druck auf die Studierenden hätte sich aber vor allem durch die Umstellung auf den Bachelor-Studiengang erhöht. "Da ist viel falsch gemacht worden", resümiert Kempgen nüchtern. Insgesamt sieht er die Universität Bamberg aber gut für den erwarteten Studentenansturm aufgestellt. Die Raumnot sei aller Voraussicht nach nur auf bestimmte Fächer begrenzt und das Lehrpersonal konnte bereits dank der Studiengebühren um 100 Personen aufgestockt werden.

Studentenwerk verspricht keine Wohnheime, sondern "kreative Wohnlösungen"

Auf dem Bamberger Wohnungsmarkt sei die Situation hingegen prekär. Kempgen spricht diesbezüglich von einer "Wohnproblematik", denn in zwei Jahren dürfte die Nachfrage nach Wohnraum das Angebot bei weitem übersteigen. Dennoch, Ziel der Universität Bamberg müsse es sein, jedem Studienanfänger auch einen Schlafplatz zu vermitteln. "Studienplatz mit Bett, das muss garantiert werden", so Kempgen. Wo die zusätzlichen Betten genau herkommen sollen, verriet Vizepräsident Kempgen aber nicht. Rund 30 Prozent der Studierenden finden zurzeit bei den Eltern oder in Wohnheimen Zuflucht. Die Mehrheit kommt auf dem "freien Wohnungsmarkt" unter.

Neue Wohnheime werde es in Bamberg auf absehbare Zeit nicht geben, ließ Josef Tost, Geschäftsführer des Studentenwerks Oberfranken, durchblicken. Für den doppelten Abiturjahrgang bedarf es daher "kreativer Wohnlösungen, denn in die Wohnheime kann nicht kurzfristig tausende Euro gesteckt werden. Das wäre sinnlos, denn die Studienzahlen gehen nach 2011 wieder runter."

 

 

 

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Sebastian Kempgen, Registered
Sehr geehrte Ottfried-Redakteure,

vielen Dank, dass Sie das Thema des Doppeljahrganges 2011 und seine Problematik in Ihrer Online-Ausgabe aufgegriffen haben. Den folgenden Satz in Ihrer Berichterstattung möchte ich gerne mit einer konkreten Information ergänzen:

"Dennoch, Ziel der Universität Bamberg müsse es sein, jedem Studienanfänger auch einen Schlafplatz zu vermitteln. "Studienplatz mit Bett, das muss garantiert werden", so Kempgen. Wo die zusätzlichen Betten genau herkommen sollen, verriet Vizepräsident Kempgen aber nicht."

Woher die Betten kommen sollen, ist schon klar, aber auf der Veranstaltung der Freien Wähler ist manche Feinheit in der Diskussion untergegangen. Ganz konkret also: Derzeit bauen die Stadtbau Bamberg (das Wohnungsunternehmen der Stadt Bamberg) und private Investoren in Bamberg offenbar insgesamt 400 weitere Wohnheimplätze für Studierende, auf der ERBA und anderswo. Das wird aber nicht reichen. Die Unileitung hat deshalb bei ihrem letzten Strategiegespräch mit der Stadt (vertreten u.a. durch OB Starke) die Problematik angesprochen, um weitere Lösungen zu erreichen. Inzwischen werden Möglichkeiten, Studierende einige Jahre unterzubringen, von der Stadt geprüft. Die Stadt hat ferner zugesagt, an die Bamberger Bürger zu appellieren, weiteren Wohnraum zur - gegebenenfalls auch nur temporären - Vermietung zur Verfügung zu stellen. Auch mit dem Hotel- und Gaststättenverband soll Kontakt aufgenommen werden, um zu prüfen, inwieweit hier im - touristisch weniger attraktiven - Winterhalbjahr 2011/12 vorhandene Ressourcen gezielt genutzt werden können. Schließlich und endlich werden wir auch an das Studentenwerk Würzburg (das auch für Bamberg zuständig ist) nochmals herantreten, um ein Engagement des Studentenwerkes wenn schon nicht für den Neubau von Studentenwohnheimen, so doch für Anmietungen etc. zu erreichen. Großobjekte, an die man in Bamberg dabei denken könnte, gibt es.
Mit allen diesen Komponenten sollte es eigentlich möglich sein, eine chaotische Situation zu vermeiden, ohne auf Container oder dergl. rückgreifen zu müssen - es müssen nur alle Beteiligten mitziehen.

Mit besten Grüßen,
Sebastian Kempgen
Vizepräsident der Universität Bamberg
 Posted 29-10-09 12:52:51

Zuletzt geändert: Freitag, 4. Dezember 2009
 
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