von Jürgen Freitag | Donnerstag, 4. September 2008
Als SPD-Vorsitzender Kurt Beck und der Vorsitzende der SPD-Landtagsfraktion, Franz Maget, Bamberg besuchten, war offensichtlich, dass Wahlkampf nicht nur in den USA nach einer Choreografie verläuft.
Zusammen mit einem aufgeregten Tross von Presseleuten radelten sie von Gundelsheim nach Bamberg – medienwirksam und perfekt inszeniert.
Das ZDF ist schon lange da, sogar mit eigenem Übertragungswagen. Die Ersten an diesem Tag, nein es sind nicht die vom Ersten, sondern die regionale Presse. Die Kollegen von der ARD biegen kurze Zeit später aber auch um die Ecke. Noch später und gerade noch rechtzeitig kommen die Kameramänner von RTL und SAT.1. Die Vorbereitungen sind fast abgeschlossen. Die Polizei sperrt eilig noch etwas ab, die Kamerafrau der ARD rennt über die Straße, gefolgt von ihrem Tonmann der sie gerade noch rechtzeitig verkabeln kann und der Bürgermeister von Gundelsheim scheint sich auf eine feierliche Begrüßung vorzubreiten. Es ist kurz vor 11 Uhr und der Platz vor dem Gundelsheimer Rathaus ist es vermutlich so voll wie noch nie. Man hat das Gefühl, etwas Großes würde gleich geschehen, etwas von immenser Bedeutung. Presseleute, Polizisten und sozialdemokratische Parteigenossen blicken alle in Richtung der Straßeneinfahrt. Dazwischen haben sich auch ein paar Bewohner des Ortes gemischt, die eher verwundert drein schauen. Der eine oder andere fragt sich wohl, was hier los ist. Bürgernähe wie nach Drehbuch Dann ist es so weit, der SPD-Vorsitzende Kurt Beck und sein Parteifreund Franz Maget, der Vorsitzende der bayerischen SPD-Landtagsfraktion, fahren im schicken Tourbus vor. Der aufgeregte Pressetross stürzt zur Bustür. Erste Fragen, erste Antworten. Große Politik im kleinen Gundelsheim gibt es aber dennoch nicht. Jetzt ist es eher wichtig Hände zu schütteln und warme Worte zu finden, schließlich zeigt man sich am liebsten „nah am Menschen“.
„Servus. Grüß dich“, gibt sich Beck ganz volksnah und fragt noch nett nach „Wie geht’s?“ Und dann, auf einmal, kommt er um die Ecke: der Traum jedes Parteistrategen, ein kleiner Junge. Beck, durch und durch Profi, erkennt die Chance und schüttelt artig die Hand des Kleinen. Die angereisten Reporter sind begeistert. Was für ein Bild! Anschließend noch ein kurzer Plausch mit dem Jungen, damit auch wirklich jeder ein schönes Foto machen kann, dann geht es weiter zum Rathaus. Der Eintrag ins Goldene Buch steht an. Die Jagd ist eröffnet! Immer stärker offenbart sich eine erstaunliche Erkenntnis: des Journalisten größter Feind ist der Journalist. Es wird geschubst, gedrängelt und später, als sich Kurt Beck aufs Fahrrad geschwungen hat und nach Bamberg radelt, auch gehupt. Der Weg von Gundelsheim nach Bamberg - eine Ausnahmesituation, denn jeder der Reporter will das beste Bild vom radelnden Parteivorsitzenden. Einen Beinahe-Unfall und einige verbale Attacken später ist das Ziel schon in Sicht.
Beck lässt sich noch schnell erklären, dass es in Bamberg eine Bäckerei gibt, die seinen Namen trägt und Maget warnt in der letzten Rechtskurve vorm Ortseingang vor möglicher Kritik der Presse. „Mal links, mal rechts, nicht dass die später sagen, das sei der unklare Kurs der SPD.“ Des Schauspiels nächster Akt Dann ist es geschafft, die Domstadt erreicht. „Och, sind das schöne Gärten hier“, lobt Beck in der Nähe der Memmelsdorfer Straße. Bei der Endstation, dem Neuen Rathaus, angekommen werden Beck und Maget schon vom Bürgermeister Andreas Starke empfangen. Dann ist noch kurz Zeit für Interviews. Beck erklärt sich für mit Bamberg verbunden, denn der Wunsch seiner Mutter hätte ihn schon öfter nach Bamberg geführt. „Sie war hier früher in ihrer Jugend in Stellung beim Domherrn.“
Maget wird von TV Oberfranken abgefangen: „Wie war denn die Fahrradtour, Herr Maget?“ „Die war sehr schön. Überhaupt ist Fahrradfahren eine wunderschöne Art zu reisen“, antwortet Maget. Dann wird es politisch. „Was wünschen Sie sich für die Landtagswahl?“, fragt der Journalist. „Ich hoffe auf die Verschiebung der Gewichte und ich wünsche mir, dass die CSU ihre absolute Mehrheit verliert“, erklärt Maget kämpferisch. Das muss dann erst einmal genügen. Maget und Beck verschwinden kurz und tauchen wenige Minuten später wieder frisch und umgezogen im schicken Anzug auf. Eine Attraktion für die Menge Ein weiterer großer Programmpunkt steht bevor: Sightseeing in Bamberg. Quer über den Maxplatz geht es zum Alten Rathaus. Für manchen Bamberger ist das offensichtlich ganz großes Kino. „Das ist doch der Beck“, meint eine ältere Frau und ist im nächsten Moment erstaunt, wie gut er doch aussieht. „Schau mal! Wie heißt der noch mal?“, rätselt eine andere. Links und rechts des Weges sammelt sich eine Schar vom Medienrummel faszinierter Menschen.
Umzingelt ist Beck in Bamberg aber natürlich in erster Linie von Journalisten. Beck selbst scheint das wenig zu interessieren. Gelassen, fast emotionslos flaniert Beck durch die Innenstadt. Trotz Dauerlächelns und Dauerwinkens wirkt er abwesend. Es scheint, als wäre die Tour eine Unterhaltungsshow mit einem Moderator der kein Moderator sein will. Spaß ist was anderesEs ist nicht der Mensch Kurt Beck der hier entlang läuft, es ist der Politiker, der ein Programm für die Presse abspult. Spätestens im Alten Rathaus, wo er sich im Rokokosaal ins Goldene Buch einträgt, merkt man ihm an, wie anstrengend eine solche Tournee sein muss. Er ist schon seit einigen Tagen auf Deutschlandtour und Bamberg ist für ihn nur eine von vielen Stationen. Er wirkt erschöpft und ihm rinnt der Schweiß nur so über die Stirn. Spätestens jetzt hat man Mitleid mit dem Menschen Kurt Beck. Warum nur tut er sich das an? Der Mensch hinter der Figur Dann geht es in die letzte Runde. Noch einmal muss er Gas geben. Vor dem Rathaus haben sich die Reporter aufgereiht – die große Fragestunde. „Was sagen Sie dazu? Was halten Sie davon? Warum haben Sie das so gemacht?“ Die perfekt formulierten Antworten schießen geradezu aus ihm heraus. Keine Sekunde, die er zum Nachdenken benötigt. Für ihn vermutlich immer die gleiche Leier. Dann noch schnell ein paar Fotos mit einem Weißbier in der Hand. Geschafft!
Beck und Maget ziehen sich in ein Restaurant zurück. Jetzt wo die Kameras aus, die Landtagswahl fern und die Erschöpfung groß ist, wird deutlich wie normal dieser Mann doch ist. Fern von bundespolitischer Rhetorik wirkt er fast winzig und unscheinbar. Am Ende dieses langen Tages fragt man sich unweigerlich, wo ist der Politiker Beck hin? Denn der Beck der vor einem sitzt und Fisch isst, ist ein anderer. Ist es doch mehr Schein, als Sein? Perfekt inszeniert ist es jedenfalls. 2. uiuiui brose_fan, Registered kommd a weng spähd, gell? 1. Ohne Titel moritz, Registered Ein sehr gelungener Artikel! Zuletzt geändert: Sonntag, 12. Oktober 2008 |