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Das Leben der Unerwünschten
von Eugen Maier | Sonntag, 8. Juni 2008

Vortrag im Rahmen des festival contre le racisme mit Alexander Thal vom Bayerischen Flüchtlingsrat. Foto: Eugen Maier"Gemeinschaftsunterkunft" ist der deutsche Euphemismus für Flüchtlingslager. Alexander Thal vom Bayerischen Flüchtlingsrat weiß jedoch genau, wie die Lage hinter diesem Begriff aussieht.

Im Rahmen des festival contre le racisme sprach er über die Situation von Asylbewerbern und über die Rolle, die das Konzept des Nationalstaates bei dieser Misere einnimmt.

Leben wie im Gefängnis

"Es gibt zur Zeit 155 solcher Lager in Bayern" verrät Thal und beschreibt die dortigen Lebensbedingungen. Vier Leute müssten sich ein Zimmer von zehn bis fünfzehn Quadratmetern Fläche teilen. Im Sommer herrschten Temperaturen von bis zu 35 Grad Celsius, im Winter bittere Kälte. Monatlich 40 Euro Taschengeld und jeden dritten Monat ein Hygienepaket seien alles, was die Flüchtlinge neben rationierter Nahrung und Altkleidung bekämen.

Eine geschlossene Gesellschaft

Alexander Thal. Foto: Eugen MaierAn die zehn Tausend Menschen müssten im Freistaat unter solchen Bedingungen ihr Dasein fristen. Laut Alexander Thal geschieht das nicht ohne Grund, denn auf diesem Gebiet offenbare sich ein "zentraler Geburtsfehler des Nationalstaats." So sei ein moderner Nationalstaat durch drei Elemente gekennzeichnet: Sein Territorium, seine Rechtsordnung und sein Volk.

Die ersten beiden Punkte seien relativ leicht zu verstehen. Der Begriff Volk wäre jedoch niemals klar definiert worden. Dies stelle ein großes Problem dar, weil durch die Zugehörigkeit zu einem Volk sich auch der Genuss bürgerlicher Grundrechte ergebe. "Wer dazugehört, darf mitdiskutieren" lautet die Devise. Daher sei die Frage, wer zu einer Nation gehört und wer nicht, immer umstritten gewesen.

Nation - Betreten verboten

Beim Vortrag über die Situation von Flüchtlingen. Foto: Eugen Maier"Es besteht die Illusion einer homogenen Nation" beklagt Thal das verbreitete Schwarz-Weiß Denken. Fremde würden diese Illusion bedrohen, daher auch die unsanfte Art der staatlichen Asylpolitik. "Die Lager haben reinen Schikane-Charakter" bringt der Vortragende seine persönliche Meinung auf den Punkt. Durch ständige Verhöre oder die bereits erwähnten schlechten Lebensumstände wolle man "die Bereitschaft zur freiwilligen Ausreise fördern."

Doch nicht nur der Deutsche Staat, auch die Europäische Union betreibe eine repressive Politik gegenüber Hilfesuchenden. Abschiebungen oder Militäreinsätze im Mittelmeer sind für Alexander Thal nur zwei von vielen Gesichtern der europäischen Abschottung.

Der Staat greift zu Verzweiflungstaten

Aus der überstaatlichen Ebene ergibt sich für ihn außerdem eine gravierende Nebenwirkung. Immer mehr politische Entscheidungen würden durch internationale Organisationen getroffen werden, neben der EU beispielsweise durch die UNO oder WTO, wodurch die Macht der Nationalstaaten schrumpfe. "Die Staaten müssen nach Wegen suchen, eigene Souveränität zu demonstrieren", schlussfolgert der Referent. Da das Territorium und die Rechtsordnung relativ unantastbare Größen sind, wäre das Element Volk die einzige Möglichkeit, Exempel eigener Stärke zu statuieren.

 

Info: Bayerischer Flüchtlingsrat - Der Ansprechpartner für Flüchtlinge

Der im Jahre 1986 gegründete Bayerische Flüchtlingsrat versucht, dieser Entwicklung entgegenzuwirken. Beratungen, rechtlicher Beistand und Öffentlichkeitsarbeit sollen die Situation von Flüchtlingen und Migranten verbessern. "Wir lehnen die Ausgrenzung und Isolation von Flüchtlingen durch die Unterbringung in Lagern ab und fordern gleiche Rechte für alle", lautet die Botschaft der Vereinigung.

 

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Zuletzt geändert: Montag, 23. Juni 2008
 
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